Rudolf Bauer, Geschäftsführer von StepStone Österreich und Director Brand & Communication Continental Europe, plaudert aus dem Nähkästchen über die fehlende Kultur des Scheiterns, Lücken im Lebenslauf und den ständigen Drang nach Veränderung.

Keinen roten Faden im Lebenslauf vorweisen zu können, nennt man im Fachjargon auch eine proteische Karriere. Der Begriff wurde 1976 vom amerikanischen Professor Douglas Hall geprägt. Er ist allerdings wenig geläufig und eher unter den Bezeichnungen Zickzack-, Mosaik- oder Patchwork-Karriere bekannt.

Eine atypische Karriere kennt man heutzutage vor allem von den Generationen Y & Z. Dass dies aber auch ein Phänomen erfahrener Mitarbeiter sein kann, zeigt das Beispiel Rudolf Bauers, auch bekannt als Rudi, dessen Karriereweg kaum atypischer sein könnte. Wir haben ihn zu einem spannenden Interview getroffen, bei dem er uns über seinen Werdegang erzählt hat und uns seine Sicht des Jobmarktes näher gebracht hat.

 

„Ich baue gerne Schiffe“

Rudi Bauer, geboren 1966, war ursprünglich Software Entwickler und fasste durch einen Zufall Fuß in der ihm zunächst unbekannten Marketing Branche. Durch eine positive Kindheitserinnerung eines Schaufenster der Marke Bang & Olufsen, einem dänischen Unterhaltungselektronikhersteller, bewarb er sich im zarten Alter von 22 Jahren dort als Marketing Director für Österreich und bekam die Stelle.

Das Besondere daran: Er brachte keinerlei Vorwissen oder Erfahrung in diesem Bereich mit, dafür aber jede Menge Begeisterung und Leidenschaft für die Marke. In einem persönlichen Gespräch schaffte er es den damaligen Geschäftsführer von sich zu überzeugen und startete so seinen proteischen Karriereweg, der fortan von Zufällen geprägt war.

Meine Branchenliste ist völlig schräg. Aber ich habe nie Angst, weil in Wahrheit kochen alle mit Wasser.

Sein ganzes Leben lang probierte Rudi Dinge aus, die ihm spannend erschienen und nahm so die verschiedensten Herausforderungen an. Nach seiner Tätigkeit als Marketingleiter bei Bang & Olufsen, machte er einen Ausflug in die Telekombranche (Ericsson und COLT Telecom), sammelte anschließend Berufserfahrung als Geschäftsführer der CoolCar Service GmbH und ist seit 2001 mit seiner Firma active concepts im Bereich Coaching tätig. Zudem bekleidet Rudi seit 2014 die Position des Marketingleiters von StepStone Österreich und wurde kurze Zeit später auch Director Brand & Communication für Kontinentaleuropa.

Wenn man leidenschaftlich an etwas arbeitet und mutig genug ist, dann finden sich Wege.

Sein Lebenslauf mag auf den ersten Blick zufällig wirken, sieht man jedoch näher hin, erkennt man schnell, dass er trotz allem einem gewissen Muster folgt. Denn Rudi liebt die Herausforderung und hat er eine gelöst, ist er bereits auf der Suche nach der nächsten.

Er vergleicht diesen Umstand symbolisch mit dem Bau von Schiffen: Es gibt Menschen die bauen, konstruieren und entwickeln Schiffe und es gibt jene, die fahren damit. Für Rudi war schnell klar, dass er zu jenen gehört, die gerne Schiffe bauen. Wenn er das Gefühl hat, dass ein Unternehmen, ergo das Schiff, von nun an eigenständig fahren kann und fortan überlebensfähig ist, sucht er sich ein neues. Alle drei bis fünf Jahre im Schnitt wächst seine Sehnsucht zu neuen Ufern aufzubrechen, wobei sein nächstes Abenteuer quasi wie von selbst auf ihn zukommt.

Durch seinen bunten Lebenslauf weiß Rudi sehr gut worauf es im Berufsleben wirklich ankommt. Gerade Berufseinsteiger können daher von seinen persönlichen Erfahrungen profitieren:

 

1. Finde heraus, was dir wirklich Spaß macht!

Wir leben in einer kopflastigen Gesellschaft und vergessen dabei häufig auf uns selbst zu hören. Junge Menschen sind sehr stark von den Erwartungshaltungen ihrer Umgebung geprägt. Dabei ist es wichtig, in sich hinein zu hören und herauszufinden, was einen selbst glücklich macht.

Rund 65.000 Stunden unseres Lebens verbringen wir mit unserem Beruf. Wenn wir dabei keinen Spaß haben, verschenken wir diese Lebenszeit einfach unachtsam. Man sollte sich daher auf die Suche nach etwas begeben, das einen erfüllt, aber keineswegs gleich alles hinwerfen, wenn es einmal keinen Spaß mehr macht.

Wenn du immer versuchst allen anderen zu entsprechen, entsprichst du dir irgendwann nicht mehr selbst (…) Wenn es darum geht was man sein Leben lang tut, hat man ruhig auch einmal das Recht egoistisch zu sein.

Dabei muss nicht jeder ein abgeschlossenes Studium in seinem Lebenslauf vorweisen können. Wenn die eigene Leidenschaft beispielsweise im Backen liegt, ist man in einer Ausbildung zum Konditor wesentlich besser aufgehoben als in einem BWL-Studium. Das Wichtigste dabei ist, nicht das zu tun, was sich die eigenen Eltern für einen wünschen, sondern seine eigenen Träume zu verfolgen.

 

2. Sag Ja zu Veränderung!

Jene, die nach dem Studium denken, dass sie bereit für die Welt wären und nun alles wüssten, unterliegen einem Irrtum: Denn sich immer weiterzubilden und Neues dazuzulernen gehört heutzutage genauso dazu, wie die ständige Veränderung. Sie ist die einzige Konstante in unserem Leben.

Ich finde Veränderung ist total spannend. Es gibt viele Leute die Angst vor Veränderung haben. Ich kann ohne Veränderung nicht leben.

Die meisten haben Angst vor den Konsequenzen, was sie daran hindert etwas auszuprobieren und dabei die eigenen Kompetenzen zu überschreiten. Kinder und Jugendliche brauchen beim Berufseinstieg jedoch vor allem Mut. Die Frage: „Was kann dir ein Leben lang Spaß machen?“ sollte hierbei im Zentrum stehen und nicht die Angst vor möglichen Konsequenzen, die dabei meist ohnehin nicht eintreten.

 

 3. Habe den Mut zu scheitern!

Wir leben in einer Gewinnergeneration, die gewohnt ist alles zu schaffen. Dabei vergessen wir häufig, dass wir ruhig auch einmal Dinge ausprobieren dürfen und dabei keine Angst vor dem Scheitern haben sollten. Rudi selbst bereut keinen einzigen Job in seinem Leben gemacht zu haben. Denn durch jeden davon hat er viele wichtige Erfahrungen gesammelt und interessante Leute kennengelernt.

Das eigene Leben und somit auch der eigene Lebenslauf gehören zu einem selbst. Auch wenn dieser schlechte Noten, zu wenig Berufserfahrung oder gar Lücken aufweist, ist es wichtig dazu zu stehen. Bei jeder Bewerbung gibt es im Prinzip nur zwei Möglichkeiten: Man trifft jemanden, der den eigenen Lebenslauf gut findet oder man stößt auf jemanden, der ihn nicht gut findet. Beides ist legitim und sollte auch so akzeptiert werden.

Wenn man sich in einem Bewerbungsgespräch für etwas rechtfertigen muss, ist die Augenhöhe weg.

Personen die immer nur Einser-Zeugnisse hatten, stoßen im Berufsleben häufig vor ungewohnte Herausforderungen. Denn sie haben nie gelernt wie es ist zu scheitern und somit Angst davor. Dabei ist es essenziell zu begreifen, dass es beruflich nicht nur eine richtige Türe gibt, sondern viele. Wenn eine offensichtlich die falsche ist, sollte man auch nicht versuchen um jeden Preis hinein zu kommen. Dies zu erkennen erfordert jedoch Mut und einen gesunden Glauben an sich selbst.

Rudis Ansicht nach muss vor allem die HR Branche noch viel in diese Richtung lernen. Der Umgang mit Kandidaten sollte seiner Ansicht nach zukünftig ein ganz anderer werden. Dabei muss es jedoch auf beiden Seiten zu einer Veränderung kommen: Die Bewerber müssen selbstsicherer und die HRler offener werden.

 

4. Schick was völlig Abgefahrenes!

Die meisten Stellenausschreibungen sind heutzutage standardisiert und verwenden bestimmte Floskeln, wie etwa die Voraussetzung von mindestens 3 Jahren einschlägiger Berufserfahrung. Dies hindert jedoch einige daran, sich überhaupt erst zu bewerben und das nicht ohne Grund: Denn in vielen Unternehmen scannt eine automatisierte Texterkennungssoftware standardisierte Lebensläufe auf bestimmte Punkte wie Berufserfahrung. Somit scheidet sogleich jeder aus, der die gesuchten Positionen nicht vorweisen kann, vielleicht aber optimal für die Stelle gewesen wäre.

Um diesem Dilemma zu entkommen, ist es ratsam eine Form der Bewerbung zu senden, die gar nicht erst automatisch gescannt werden kann, sondern persönlich beurteilt werden muss. Dabei gilt es aufzufallen und sich vom Mainstream abzuheben. Doch ausgetrampelte, standardisierte Pfade zu verlassen erfordert Mut. Dabei ist es heute so leicht wie noch nie zuvor. Rudi rät zum Beispiel dazu ein Bewerbungsvideo an die E-Mail-Adresse eines Personalchefs oder eines Geschäftsführers zu schicken und einfach einmal abzuwarten was passiert.

Frechheit siegt! Es geht um Emotionen, verkauf dich selbst. Aber nicht mit dem Einheitsbrei von allen anderen.

Rudi startete einen Selbstversuch und bewarb sich, als er bereits den Vertrag zum Geschäftsführer von StepStone unterschrieben hatte, bei 20 Personalberatern auf Marketing Manager Positionen. Dabei wählte er die klassische, standardisierte Form der Bewerbung mit Lebenslauf, Motivationsschreiben etc. und bekam tatsächlich 20 Absagen. Später stellte er sich bei diesen 20 Personalberatern als Geschäftsführer von StepStone vor und obwohl diese von ihm und seinem spannenden Lebenslauf begeistert waren, war er zuvor nicht einmal zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen worden.

Ich habe einmal einen Lebenslauf verschickt, der war eine lebensgroße freigestellte Pappfigur von mir selbst. Da bekommst du überall einen Termin.

Sein Fazit: Man sollte sich von Anforderungen wie 3 Jahre Berufserfahrung nicht abschrecken lassen, sondern es dennoch probieren. Jedoch keinesfalls mit einer standardisierten Bewerbung. Das Wichtige dabei ist, die Türe aufzubekommen. Erst wenn man sich von den anderen Bewerbern abhebt, steigt auch die Chance auf einen Bewerbungstermin. Wenn man erst einmal einen Schritt ins Unternehmen gesetzt hat und damit beginnen kann sein Netzwerk aufzubauen, ist man meist auch erfolgreich.

 

5. Vernetze dich!

Die Berufswelt lebt heutzutage von Vernetzung. Dabei gilt es alle Kanäle zu nutzen, die einem zu Verfügung stehen und es waren noch nie so viele wie im Moment. Für junge Menschen ist es daher ganz wichtig sich möglichst früh ein Netzwerk aufzubauen. Dies gelingt beispielweise durch Plattformen wie „Natives“ oder diverse Mentoren-Programme.

Denn Karriere hat heute nichts mehr mit Hierarchieaufstieg zu tun, sondern mit Networking. Einen guten Chef sollte man daher auch an der Anzahl an Verbindungen im Netzwerk erkennen können.

Viele Bewerbungsgespräche zu führen, bringt einem nicht nur Praxis, sondern stärkt vor allem das eigene Netzwerk. Ganz nach dem Prinzip: Es ist nicht wichtig wie viele Leute du kennst, sondern es ist wichtig wie viele Leute dich kennen. Was vielen Kandidaten dabei jedoch häufig im Wege steht, ist die Verbissenheit, den Job um jeden Preis bekommen zu wollen.

Denke nach was zu dir passt, wenn du das tust, wirst du irgendwann deinen Weg finden. Vielleicht auf Umwegen, aber du wirst ihn finden. (…) Der Schlüssel ist Authentizität, Leidenschaft und Herzblut.

Wenn man herausgefunden hat, was einem Spaß macht und selbstbewusst zu seinem Lebenslauf und seinen Stärken steht, ist man auf dem richtigen Weg. Mit einer Bewerbung, die einen vom Rest abhebt und ständigem Netzwerken wird man in der Berufswelt weit kommen. Dabei ist Mut, die Liebe zur Veränderung aber auch Authentizität sehr wichtig.

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